Vivienne Westwood gestorben: Nachruf auf die britische Exzentrikerin der Mode - WELT (2023)

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Das politische Statement gehörte fest zur Mode von Vivienne Westwood – gelegentlich zum Leidwesen von Ehemann und Co-Designer Andreas Kronthaler. „Sie mag es, wenn die Kleidung eine Botschaft hat“, sagte der Österreicher in der Doku „Westwood: Punk, Icon, Activist“, die 2018 erschien unter der Regie von Lorna Tucker. Rund 30 Jahre war die Britin mit dem 25 Jahre jüngeren Mann, ihrem ehemaligen Modestudenten, verheiratet. Am Donnerstag nun ist die Königin des Punk, wie sie in Großbritannien anerkennend genannt wurde, im Alter von 81 Jahren gestorben.

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Der Rückblick auf ihre Lebensgeschichte und ihre Karriere scheint Westwood ein Graus gewesen zu sein. „Müssen wir das alles besprechen?“, meckerte sie in der Doku. „Das ist so langweilig.“ Dabei war kaum etwas in Westwoods Leben langweilig. Die Mode-Anarchistin und Aktivistin sorgte zeitlebens mit provokanten Botschaften und schrillen Outfits für Aufsehen. Ihre ganze Karriere fußte auf von Königsroben inspirierten, ausgeflippten Prachtkleidern, die ihr zum Durchbruch verhalfen. Ihr Name stand für die sprichwörtliche englische Exzentrik.

Ein bisschen ausgefallen war die Tochter eines Baumwollspinners und Kolonialwarenhändlers aus der englischen Grafschaft Derbyshire schon immer gewesen. Geboren am 8. April 1941 als Vivienne Isabel Swire in Tintwistle nahe Manchester, soll sie sogar an ihrer Schuluniform modische Änderungen vorgenommen haben. Das brave Dasein war nichts für sie. Mit 21 Jahren heiratete sie den Tänzer Derek Westwood, mit dem sie einen Sohn bekam, den Fotografen Ben Westwood.

Der Weg in die Mode

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Doch dann lernte sie den Kunststudenten Malcolm McLaren kennen, Gründer und Manager der Punk-Band Sex Pistols. Westwoods Weg war geebnet. Zusammen mit McLaren eröffnete sie 1970 auf der Londoner King‘s Road ihre erste Boutique. Schnell entwickelte sich der Laden zum Herz der jungen Punkszene. Der Name wechselte wie die Mode: „Let it rock“, „Too fast to live, too young to die“, „Sex“, „Seditionaries“ (Aufwiegler) und schließlich „World‘s end“.

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Westwood kreierte die ersten Outfits für Johnny Rotten und Co. mit Sicherheitsnadeln, Netzhemden und Nietenarmbändern – und erschuf damit den ikonischen Punk-Look. Auch nach der Trennung von McLaren, mit dem sie ebenfalls einen Sohn hat – Joseph Corre, den Mitgründer der Dessousmarke Agent Provocateur -, blieb sie ihrer rebellischen Kreativität treu. Vor allem die Inspiration aus der Mode des 18. und 19. Jahrhunderts war ihr Markenzeichen – allerdings in schrillen, schrägen, exzentrischen Varianten.

„Ich habe mich überhaupt nicht als Modedesignerin betrachtet, aber ich habe festgestellt, dass ich sehr talentiert war“, erzählt Westwood in Tuckers Dokumentation. „Ich wollte, dass die Leute wissen, dass das Zeug, was sie auf dem Laufsteg in Paris sehen, von mir kommt. Und ich habe mir gedacht, ich muss in diese Geschäftswelt einsteigen und die Kleidung wirklich verkaufen, sie den Journalisten präsentieren und eine Modedesignerin sein. Mir war klar, dass ich das kann.“

Ihr Punk-Stil setzt neue Maßstäbe

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Mode allein war Westwood nie genug. Ohnehin hatte sie eine Karriere in der Branche ursprünglich gar nicht im Sinn. „Ich wollte keine Modedesignerin sein“, stellte sie 2009 im „Time“-Magazin klar. „Ich wollte lieber lesen und intellektuelle Dinge machen.“ Ein Kunststudium brach sie nach nur einem Semester ab, um eine Ausbildung zur Lehrerin zu machen – mit Kunst als Hauptfach. Ihr Plan: „Ich werde versuchen, Künstlerin zu werden. Und wenn ich keine Künstlerin sein kann, werde ich Lehrerin.“

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Das Londoner Victoria and Albert Museum bezeichnete Westwood als „revolutionäre und rebellische Kraft in der Mode“. Die britische Kulturministerin Michelle Donelan würdigte die Designerin als „überragende Persönlichkeit“. Sie habe mit ihrem Punk-Stil in den 1970er-Jahren neue Maßstäbe gesetzt. Westwood sei zeitlebens „ihren eigenen Werten treu geblieben“, fügte die Ministerin auf Twitter hinzu.

Ihren Durchbruch als Designerin schaffte Westwood 1981 mit einer Show, auf der sie ihre legendäre „Pirate Collection“ vorstellte. Sie machte die Provokation zu einer Kunstform. Topmodel Kate Moss etwa schickte sie mit nackten Brüsten und Eiscreme essend über den Laufsteg. Deren Kollegin Naomi Campbell brach sich fast einen Knöchel, als sie es nicht schaffte, auf einem Paar fast 23 Zentimeter hohen Plateauabsätze aufrecht zu stehen.

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In ihren Punk-Tagen setzte Westwood mit ihrer Kleidung bewusst auf Schock-Effekte: T-Shirts mit Zeichnungen nackter Jungen, „Bondage-Hosen“ mit sadomasochistischen Anklängen. Der Übergang von Punk zu Haute Couture gelang ihr ohne Aussetzer. „Sie versuchte stets, die Mode neu zu erfinden“, sagt Andrew Bolton, Kurator des Costume Institute am Metropolitan Museum of Art in New York. „Ihre Arbeit ist provokativ, sie ist grenzüberschreitend. Sie ist sehr stark in der englischen Tradition von Persiflage und Ironie und Satire verwurzelt. Sie ist sehr stolz auf ihr Englischsein, und trotzdem zieht sie es ins Lächerliche“, sagte Bolton.

Eine ihrer grenzüberschreitenden und umstrittenen Schöpfungen zeigte ein Hakenkreuz, ein umgekehrtes Bild von Jesus Christus am Kreuz und das Wort „Destroy“. In einer mit Unterstützung von Ian Kelly geschriebenen Autobiografie sagte Westwood mit Verweis auf den chilenischen Ex-Diktator Augusto Pinochet, diese Arbeit sei Teil eines Statements gegen Politiker gewesen, die Menschen folterten.

Eine Frage des „Time“-Magazins in einem Interview im Jahr 2009, ob sie das Hakenkreuz-Design bereue, verneinte sie. „Tue ich nicht, weil wir zur älteren Generation nur gesagt haben: ‚Wir akzeptieren eure Werte oder eure Tabus nicht und ihr seid alle Faschisten‘“.

Hochzeitskleider und Aktivismus

Seit 1992 war Westwood mit dem 25 Jahre jüngeren Österreicher Kronthaler verheiratet, der 2016 die künstlerische Leitung ihres Modelabels übernahm. Die Designerin entwarf in ihrer langen Karriere auch Hochzeitskleider, unter anderem für die von Sarah Jessica Parker verkörperte Serienfigur Carrie Bradshaw aus „Sex and the City“. Im Jahr 2014 entwarf Westwood neue Uniformen für die Flugbegleiterinnen der Airline Virgin Atlantic.

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Lange engagierte sich die Punk-Pionierin mit der blassfahlen Haut für Menschenrechte, Frieden, Tierschutz und im Kampf gegen die Klimakrise. Die große Show gehörte stets dazu, wenn sich Westwood inszenierte, denn sie garantierte ihr Aufmerksamkeit. 2015 ließ sie sich in einem weißen Panzer zum Privathaus des damaligen britischen Premiers David Cameron fahren, um gegen Gasgewinnung durch Fracking zu protestieren. Noch im vergangenen Jahr sorgte sie mit einem Protest für die Freilassung von Wikileaks-Gründer Julian Assange für Aufsehen: Im knallgelben Outfit saß sie vor einem Gerichtsgebäude in London in einem überdimensionalen Vogelkäfig.

Nachdem Westwood in der Heimat anfangs belächelt und im Fernsehen noch in den späten 1980ern sogar ausgelacht worden war, wurde sie 1990 und 1991 als britische Designerin des Jahres ausgezeichnet.

Ihr schwieriges Verhältnis zum britischen Establishment wird vielleicht am besten an ihrer Reise zum Buckingham Palace im Jahr 1992 deutlich, wo sie den Orden des Britischen Empire erhielt: Sie trug keine Unterwäsche und posierte für die Fotografen in einer Art und Weise, die dies überdeutlich machte. Offenbar war die Queen nicht beleidigt: Westwood wurde 2006 erneut eingeladen, um von Elizabeth II. zur Dame Commander of the British Empire - das weibliche Äquivalent zum Ritterschlag - geadelt zu werden.

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Während Dame Vivienne, so ihr offizieller Titel, im Herzen immer noch Punk war, gehörte ihre Mode längst zum Establishment. Queen-Enkelin Prinzessin Eugenie erschien zur Hochzeit von William und Kate 2011 in einem Westwood-Kleid. Selbst die frühere Premierministerin Theresa May trug einen Hosenanzug von ihr. Hof-Modeschöpferin der Royals wurde sie trotzdem nicht. Der Stil-Ikone Herzogin Kate empfahl sie eine Reduzierung der Zahl ihrer Outfits – aus Gründen des Umweltschutzes.

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Author: Francesca Jacobs Ret

Last Updated: 02/07/2023

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Name: Francesca Jacobs Ret

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